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01.11.11

Ausstellungseröffnung „Die heile Welt der Diktatur? Herrschaft und Alltag in der DDR“ in Neuenhagen

Rund 50 Gäste sind der Einladung von Michael Jungclaus ins Bürgerhaus Neuenhagen zur Eröffnung der Ausstellung „Die heile Welt der Diktatur? Herrschaft und Alltag in der DDR“ gefolgt. Unter 20 verschiedenen „Schlagwörtern“ wie zum Beispiel „Ehrendienst“, „Kindheit“ und „Jugend“, „Mangel“ oder „Geborgenheit“ untersucht die Ausstellung die Zusammenhänge zwischen Herrschaft und Alltag in der DDR.

„Ich wünsche mir, dass diese Ausstellung eine bessere Verständigung zwischen den widersprüchlichen Erinnerungsdiskursen der Verklärung bzw. der Verteufelung ermöglicht. Dass wir lernen, dass es nicht nur eine Geschichte, sondern viele Geschichten gibt, die sich zu einem Bild verdichten können. Lassen Sie uns die Anregungen der Ausstellung nutzen, um miteinander ins Gespräch zu kommen“, so Michael Jungclaus in seiner Eröffnungsrede.

>>> das vollständige Redemansukript als pdf

Bürgermeister Jürgen Henze verwies in seinem Grußwort darauf, dass die Aufarbeitung der jüngeren Geschichte eine gesamt-deutsche Aufgabe sei. Er habe im Rathaus Azubis über die Behandlung der DDR-Geschichte im Unterricht befragt und musste erstaunt feststellen, dass keine/r der Befragten bisher im Unterricht damit konfrontiert wurde. „Ich wünsche mir, dass insbesondere die Schulen in unserer und den angrenzenden Gemeinden das Angebot nutzen. Die Ausstellung bietet eine anregende Grundlage, um das Thema im Unterricht zu behandeln“, so Jürgen Henze.

Herr Dr. Wolle, der Autor der Ausstellung, hat in seinem Vortrag anhand von Beispielen dargestellt, wie ambivalent sich die verschiedenen Aspekte im Alltag der DDR-Bürger darstellten.

Zum Beispiel die Tafel unter dem Titel „Gemeinschaft“: Man sieht ein großes Foto von einem Frauen-Kollektiv bei der Feldarbeit. Das sieht sehr fröhlich aus. Weitere Fotos und ein Text veranschaulichen jedoch einen Widerspruch: Auf der einen Seite gibt es die Rolle des Kollektivs als Instrument der sozialen und ideologischen Kontrolle. Auf der anderen Seite steht die Gemeinschaft zur Bewältigung der Alltagsprobleme. Das Kollektiv half beim Umzug, besorgte Baumaterial, Werkzeug oder einen Kleintransporter aus den Beständen des Betriebs.

Ein anderes Beispiel unter dem Titel „Jugend“: Das große Bild zeigt eine Gruppe junger Männer auf ihren Simsons vor dem Dorfclub. Jugendkultur jenseits von FDJ und Jugendweihe bekam immer eine politische Dimension. Ob es die Hetzjagd auf die sogenannten „Gammler“ in den 60ern war, oder der hilflose Kampf gegen Beat-Fans, lange Haare und kurze Röcke. Bis in die 70er Jahre hinein wurde so ein Ausscheren aus der vorgegebenen Norm häufig mit drastischen Strafen belegt. Erst unter Honecker haben die Machthaber versucht, den Jugendlichen etwas mehr Spielraum zu geben.

Und noch ein Beispiel, dass diesen schon erwähnten Widerspruch gut illustriert: Das Thema „Mangel“. Die langen Schlangen vor dem Feinkostladen, die man auf dem großen Foto sieht, stehen für diese allwöchentliche „Großwildjagd“, um von den wenigen guten Dingen etwas ab zu bekommen. Es gab keinen Hunger in der DDR, aber es fehlte an Qualität, Auswahl und vor allem an Kontinuität.

Stefan Wolle zeigte sich persönlich am meisten von dem Titelbild der Ausstellung berührt . Es bildet ein junges Mädchen in Pioniersuniform ab, das vor dem Lenin-Denkmal salutiert. Berührend ist auch hier die Zweideutigkeit. Die strahlende und zukunftsweisende Fröhlichkeit des Mädchens, das gleichzeitig darauf hinweist, in welcher Weise gerade Kinder und Jugendliche in der DDR für die Zwecke des Systems instrumentalisiert wurden.

In der anschließenden Diskussion wurden gegensätzliche Einschätzungen zur Ausstellungen formuliert. Während die einen sagten: „Blödsinn! Die DDR war doch keine Diktatur“, so empfanden andere Besucher die Ausstellung als Verharmlosung der Lebensrealität in der DDR. „Die Angst, die man dort empfunden hat, etwas Falsches zu sagen und damit seine Familie zu gefährden, kann man nicht in Bildern darstellen.“ Michael Jungclaus resümiert: „Die intensiven, teils kontroversen Gespräche haben mich darin bestätigt, wie groß der Bedarf am Austausch über die eigenen Erfahrungen in der DDR ist. Damit erfüllt die Ausstellung im besten Sinne ihren Zweck: Wir sind miteinander ins Gespräch gekommen. Der Respekt vor der jeweils anderen Erinnerung ist die Basis dafür, um aus der Geschichte zu lernen.“