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NSU-U-Ausschuss | 11.04.18

Was ist mit „den Bums“? Eine entwaffnende Theorie von SPD und LINKEN …

„Was ist mit den Bums“? Die SMS des sächsischen „Blood & Honour“-Führers Jan Werner vom 25. August 1998 an den brandenburgischen Verfassungsschutz-Informanten Carsten Szczepanski alias „Piatto“ soll sich nach Einschätzung von SPD und LINKEN eher nicht auf Waffen bezogen haben, sondern auf eine 1998 erschienene CD der Punk-Band „Bums“. Ursula Nonnemacher, die Obfrau der bündnisgrünen Landtagsfraktion im NSU-Untersuchungsausschuss, reagierte überrascht auf diese fantasievolle Neuinterpretation.

Im September 1998 hatte „Piatto“ dem brandenburgischen Verfassungsschutz von  Überfall- und Bewaffnungsplänen des untergetauchten Neonazi-Trios berichtet, das heute als „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) bekannt ist. Demnach soll Jan Werner mit der Waffenbeschaffung befasst gewesen sein.

Im Jahr 2000 war „Piatto“ an einem Waffendeal beteiligt

Just dieser Jan Werner schickte am 25. August 1998 eine SMS an das innenministeriale Diensthandy des Informanten Carsten Szczepanski. Die darin gestellte Frage nach „den Bums“ hat nach der Selbstenttarnung des NSU zu dem Verdacht geführt, dass „Piatto“ möglicherweise an einer Waffenbeschaffung für das Trio mitgewirkt haben könnte. Denn im Jahr 2000 war Szczepanski an einem Waffendeal unter Rechtsextremisten beteiligt – dafür hat ihn das Amtsgericht Potsdam rechtskräftig verurteilt.

Die SPD-Fraktion kommt jetzt jedoch zu dem Ergebnis: „Nach Sichtung aller Handyverbindungen drängt sich der Eindruck auf, dass es sich bei der bundesweit zur Berühmtheit gelangten SMS ,HALLO. WAS IST MIT DEN BUMS‘ nicht um Waffen, sondern um CDs der Band ,Bums‘ handelt.“ Inhaltlich daran anknüpfend, schreibt die LINKE-Fraktion in ihrem NSU-Untersuchungsausschuss-Blog: „Wir müssen schon jetzt festhalten, dass das Bild, das in den letzten sechs Jahren von Carsten Szczepanski gezeichnet wurde, teilweise korrigiert werden muss. Er hat zwar über eine geplante Waffenbeschaffung an den späteren ,NSU‘ berichtet, dass er sie selbst geliefert hat, ist aber unwahrscheinlich.“

Die SPD beruft sich bei ihrer Argumentation darauf, dass „die BUMS-SMS nicht in die logische Abfolge“ passe, wenn man „die Chronologie“ von Werners „Meldungen“ in den Überwachungsprotokollen des Landeskriminalamts Thüringen betrachte. Die LINKE beruft sich auf ihre „forensische Auswertung der Telekommunikationsüberwachungsdaten“.

Manipulierte Überwachungsprotokolle: Rund 1000 Einträge fehlen

Ursula Nonnemacher: „Wenn ich die Chronologie der Telekommunikationsüberwachungsdaten betrachte, dann stelle ich vor allem fest, dass diese Chronologie große Lücken aufweist. Ausgerechnet am Tag nach der SMS mit ,den Bums‘ fehlen mehrere Seiten. Und zu dem Zeitpunkt, zu dem Szczepanski von der angeblichen Waffensuche des Jan Werner für das Trio erfahren haben will, fehlen von der Telefonüberwachung des Werner sogar die Protokolle von mehreren Tagen. Anhand der durchlaufenden Nummerierung ist feststellbar, dass rund 1000 Einträge aus den Überwachungsprotokollen beseitigt worden sind – unter ungeklärten Umständen. Derart manipulierte Telefonüberwachungsprotokolle taugen nicht als verlässliche Bewertungsgrundlage.“

Die SMS „mit den Bums“ ist am 25. August 1998 um 19.21 Uhr als Telekommunikationsverbindung mit der laufenden Nummer 1569 erfasst worden. Am darauffolgenden Tag, dem 26. August 1998, endet um 15.31 Uhr die Liste auf „Seite 7“ mit der laufenden Nummer 1747 abrupt. Die darauffolgende Seite trägt wiederum die Nummer 7 und sie beginnt am 27. August 1998 um 6.58 Uhr mit der laufenden Nummer 1863. Das heißt, es fehlen 116 Einträge aus der Telekommunikationsüberwachung des Jan Werner.

In einer Deckblattmeldung vom 9. September 1998 schreibt der brandenburgische Verfassungsschutz nach einem Treffen mit „Piatto“ am 8. September 1998: „Einen persönlichen Kontakt zu den drei sächsischen Skinheads soll Jan Werner haben. Jan Werner soll zur Zeit den Auftrag haben, ,die drei Skinheads mit Waffen zu versorgen‘.“ Zum Vergleich: Es fehlen die Telekommunikationsverbindungen von Jan Werner vom 4. September 1998 um 13.20 Uhr bis zum 10. September 1998 um 13.47 Uhr – es sind 868 Einträge aus den Protokollen entfernt worden.

Ob „Piatto“ geantwortet hat, ist nicht mehr überprüfbar

Die fehlenden Protokollseiten sind im Thüringer Landeskriminalamt nicht mehr auffindbar. „Wir können also beispielsweise nicht überprüfen, ob Carsten Szczepanski auf die Frage nach ,den Bums‘ per SMS geantwortet hat und – falls ja – in welcher Weise“, erklärt Ursula Nonnemacher. „Der Verdacht, dass es sich bei ,den Bums‘ um Waffen für den NSU gehandelt haben könnte, bleibt folglich bestehen.“

Wie wahrscheinlich ist es, dass mit „den Bums“ einige CDs der Punkband „Bums“ gemeint gewesen sein könnten?

Die Punk-Band „Bums“ aus Baden-Württemberg wurde im Jahr 2011 in Brandenburgs Verfassungsschutzbericht (ab S. 123/124) unter der Überschrift „linksextremistische Hassmusik“ erwähnt. Ins Visier von „Piattos“ ehemaligen Auftraggebern ist die Musikgruppe geraten, als sie beim Anti-Nazi-Festival „Dahme zeigt Gesicht“ aufgetreten ist – weil sie dort den Titelsong ihrer 1998 erschienenen CD „Räumt auf“ gespielt hat. Also den Titelsong jener CD, nach der sich der Neonazi Jan Werner per SMS beim Neonazi Carsten Szczepanski erkundigt haben könnte, wie SPD und LINKE mutmaßen.

Hören „Faschoschweine“ linksextremistische Musik?

Auf der fraglichen CD ist der Titel „Wieder soweit“ enthalten. Darin heißt es: „Es ist wieder soweit, sie sind wieder bereit, sie warten nur auf ihre Zeit. Mit rechten Phrasen sind unentschlossene Leute einfach einzufangen und leichte Beute.“ In ihrem Song „Deutschland, Deutschland“ (Song Nr. 10, 24:32)aus dem Jahr 1996 kritisiert die Band, dass das „nationale Ego wieder erwacht“ sei. In diesem Zusammenhang ist von „all den Faschoschweinen“ die Rede. Und die Punks stellen singend die Frage: „Wie kann man denn die ganze Scheiße nur so schnell vergessen? Nach all dem Judenhass, dem Terror und den anderen Exzessen.“

Ursula Nonnemacher: „Ich finde, das klingt ganz und gar nicht danach, als hätten Jan Werner oder Carsten Szczepanski diese Punkband gehört oder gar mit ihren CDs gehandelt.“

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