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Rede | 07.05.20

Petra Budke spricht zur Großen Anfrage „Wider das Vergessen: Gedenk-, Bildungs- und Erinnerungsarbeit in Brandenburg 75 Jahre nach dem Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus und dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa“

- Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Frau Landtagspräsidentin, sehr geehrte Abgeordnete, sehr geehrte Zuschauerinnen und Zuschauer,

"Ihr habt keine Schuld an dieser Zeit. Aber ihr macht euch schuldig, wenn ihr nichts über diese Zeit wissen wollt. Ihr müsst alles wissen, was damals geschah. Und warum es geschah."

Das ist ein Zitat der Musikerin und Ravensbrück-Überlebenden Esther Bejanaro, die bis ins hohe Alter nicht nur Musik gegen rechts machte, sondern auch nicht müde wurde, aus ihrem Leben zu erzählen, auch von den grausamen Verbrechen, die Deutsche in den Jahren 1993 bis 1945 begangen haben.

Ich bin sehr froh, dass wir heute hier in diesem Landtag am Vortag des 8. Mai, dem Tag, an dem vor 75 Jahren endlich die deutsche Wehrmacht kapitulierte, zusammengekommen sind, um gemeinsam der Opfer zu gedenken, die die nationalsozialistischer Herrschaft und der Zweite Weltkrieg verursacht haben: Über 60 Millionen Menschen verloren ihr Leben, allein sechs Millionen Menschen jüdischen Glaubens wurden in den Vernichtungslagern ermordet, ebenso wie politisch Andersdenkende, Sinti und Roma oder Homosexuelle.

Denn das Gedenken, die stetige Auseinandersetzung mit unserer Geschichte, das Erinnern und Mahnen, sind auch der Grundstein unserer wehrhaften Demokratie und unserer offenen und pluralistischen Gesellschaft.

Brandenburg ist ein Land mit einer sehr großen Zahl an Gedenkstätten und Erinnerungsorten - allein hier gibt es neun frühe Konzentrationslager - und damit auch mit einer großen Verantwortung. Die Große Anfrage der Linken zur "Gedenk-, Bildungs- und Erinnerungsarbeit in Brandenburg 75 Jahre nach dem Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus und dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa" und der sehr umfangreiche Antwortenkatalog zeigen, wie groß diese Aufgabe ist. Und es ist klar, dass wir uns dieser Aufgabe immer wieder neu stellen und die Erinnerungskultur weiter vorantreiben müssen.

Und leider gibt es auch immer weniger Menschen, die diese Zeit noch selbst erlebt haben und uns davon berichten können. Ihre Gespräche in Schulen und Bildungseinrichtungen sind ein unschätzbarer Bestandteil der politischen Bildungsarbeit und werden kaum zu ersetzen sein. Wer einmal persönlich mit einer Zeitzeugin oder einem Zeitzeugen gesprochen hat oder eine Gedenkstätte besucht hat, der schließt sich nicht mehr so leicht rechten Gruppen an, die die Vergangenheit beschönigen und die Shoa leugnen.

Dass aufgrund der Corona-Krise die seit Langem geplanten Veranstaltungen der Gedenkstätte zum 75. Jahrestag der Befreiung in diesem Jahr nicht stattfinden können, ist besonders traurig, weil es für viele Überlebende möglicherweise das letzte Mal gewesen wäre, sich vor Ort zu treffen.

Der 8. Mai ist und bleibt ein Tag der Befreiung. Dieser Begriff war nicht umstritten, als Richard von Weizsäcker ihn in seiner historischen Rede am 8. Mai 1985 geprägt hat und viele den 8. Mai noch als Tag der Niederlage sahen. Aber wir sollten diesen Begriff auch nicht unkritisch übernehmen. Denn Befreiung darf nicht so verstanden werden, dass wir uns mit dem Gedenken auch von der Verantwortung befreien, die daraus für uns erwächst.

Unserer Verantwortung müssen wir uns heute genauso wie damals stellen. Das ist ein Prozess, der niemals beendet sein kann. Das hohe Niveau rechter und rassistischer Straftaten in Brandenburg ist nach wie vor besorgniserregend. Lassen Sie uns gemeinsam dafür Sorge tragen, dass wir Hass und Hetze entschieden entgegentreten, sei es im Netz oder auf der Straße. Denn die Geschichte bestimmt auch unser Leben jetzt und hier. Deshalb muss der 8. Mai 1945 im kollektiven Gedächtnis der Deutschen immer bewahrt bleiben.

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