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Rede | 30.01.19

Marie Luise von Halem spricht zum Antrag der AfD-Fraktion "Pflege der deutschen Sprache - Abschaffung der sogenannten 'gendergerechten Sprache' im amtlichen Gebrauch"

- Es gilt das gesprochene Wort!

[Anrede]

Um ehrlich zu sein: Als Linguistin finde ich finde das mit dem Gendern auch manchmal schwierig. Die Öffentlichkeit allein mit “liebe Bürger” zu adressieren, fiele mir zwar nicht im Traum noch ein, aber die vielen Variationen mit Binnen-I, Gender-Gap und Asterisk sind weder übersichtlich, noch konsistent verwendbar. Was machen wir mit z.B. “Bürgermeisterwahlkampf”: Bürgermeister*inwahlkampf? Oder: Bürger*innenmeister*inwahlkampf? Die Antwort: funktioniert nicht richtig! Aber das liegt in der Natur der Umbruchphase, es wird sich schon was Brauchbares ausmendeln. Das sieht ja auch der “Rat für deutsche Rechtschreibung” so und verzichtet vorerst auf eine Empfehlung zum Genderstern.

Auf der anderen Seite gibt es ja schon heute unwiderstehlich elegante gegenderte Formen, wie z.B. für die Politikwelt “Redepult und Redeliste” statt “Rednerpult und Rednerliste”. Also: nur Mut!

Ich erzähle Ihnen mal eine Geschichte: Ein Vater sitzt mit seinem kleinen Sohn im Auto. Sie landen in einem Verkehrsunfall, der Sohn wird lebensgefährlich verletzt, mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus gebracht. Der diensthabende Arzt, ein berühmter Chirurg, operiert über mehrere Stunden, erfolglos, das Kind stirbt. Der Arzt bricht zusammen mit den Worten “Ich konnte meinen Sohn nicht retten!”. – Wer ist der Arzt?

Na klar: die Mutter. Aber schon Ihr Stirnrunzeln machte deutlich: So glatt läuft das eben doch nicht mit dem generischen Maskulinum!

Nun argumentiert die AfD, wie auch viele Linguisten, mit dem Argument, das grammatikalische Geschlecht sei im Deutschen eben nicht identisch mit dem biologischen Geschlecht des gemeinten Lebewesens, es gäbe ja auch das Mädchen (biologisch weiblich), die Geisel oder die Koryphäe oder das Mitglied (biologisch offen). Deshalb seien diese Assoziationstests unbrauchbar – wie meine Unfallgeschichte oder z.B. Fragen wie “Wer ist dein Lieblingsschauspieler”, die von kaum jemandem mit einem weiblichen Namen beantwortet werden. Das kann man wissenschaftlich so sehen, aber die postulierte Trennung zwischen grammatikalischem und biologischem Geschlecht funktioniert eben in der praktischen Assoziation nicht – auch deshalb, weil uns nicht nur grüner “Genderwahn”, sondern auch unser Bundesverfassungsgericht aufgegeben haben, in mehr als zwei natürlichen Geschlechtern zu denken - und deshalb darf man sehr wohl – finde auch ich als Linguistin! – der politischen gegenüber der wissenschaftlichen Interpretation den Vorrang geben und eine gegenderte Sprache einfordern, für mehr Gleichberechtigung in der Wahrnehmung!

Aber an diesem Antrag ist noch etwas bemerkenswert: In der Begründung schreibt die AfD, lebendige Sprache sei einem steten Wandel unterworfen und dieser Wandel sei auch sinnvoll, da er sich im Rahmen bestehender Entwicklungsprozesse abspiele und aus dem kollektiven Wollen erwachse. Das anzuerkennen allein ist für die AfD schon geradezu revolutionär, wollte sie doch so gerne z.B. Anglizismen einfach verbieten.

Die AfD schließt dann allrdings die gegenderte Sprache sofort aus diesem positiven Sprachwandel aus – ohne das allerdings irgendwie und im Mindesten zu begründen. Schließlich entspringt auch die gegenderte Sprache aktuellen Entwicklungsprozessen und erwächst aus kollektivem Wollen. Aber die AfD würde dann schon gerne selbst bestimmen, wohin die Entwicklung geht. Demokratische Prozesse bekümmern sie nicht. Und im bewährten Muster ist “Ideologie” immer das Beharren der Anderen auf ihren politischen Vorstellungen, man selbst weist das brüsk von sich!

Aber, wer Anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein: Die arme AfD, die vor kurzem noch Anglizismen verbieten wollte, muss jetzt selbst über “gegenderte” Sprache sinnieren. Ach, wie ist die Welt doch voller Fallstricke, wenn man sich ihr eigentlich am liebsten entziehen wollte!

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