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Rede | 10.04.19

Marie Luise von Halem zum Antrag der SPD-Fraktion und der Fraktion DIE LINKE „Fontane 200 – Impulse des Fontane-Jahres für die Fort- und Weiterentwicklung der brandenburgischen Kulturlandschaft nutzen“

- Es gilt das gesprochene Wort!

[Anrede]

Wenn Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland auch heute noch seine Birnen an Kinder weiterreicht, dann liegt das daran, dass er sein Erbe klug geplant hat. Er hat sich eine Birne in sein Grab legen lassen – wir kennen die Geschichte.

Ich habe den Eindruck, dass auch Sie, liebe Kolleginnen von SPD und Linke, mit diesem Antrag Vorsorge treffen. Gegen Ende der Wahlperiode geben Sie der Landesregierung den Auftrag, die brandenburgische Kulturlandschaft in Ihrem Sinne weiterzuführen.

Dabei ist Ihr Antrag ist eine Zusammenstellung beinahe all dessen, was in den vergangenen 5 Jahren in Brandenburg thematisiert wurde: Künstlerhonorare, Kulturtourismus, kulturelle Bildung und Kultur auf dem Lande. Netzwerkarbeit, Bibliothekswesen, Digitalisierung und Trafo-Projekte natürlich auch, und dazu die Belange Brandenburgs beim BUND. Nicht zuletzt soll eine neue Kulturkonzeption entwickelt und ein Kulturgesetz geprüft werden.

Dabei verweben Sie Themen und Perspektiven so sehr, dass einem schwindelig wird ob der Diffusität, Unkonzentriertheit und Aufgabenvielfalt. Und ich sage mal voraus: Das Wasser für die Gieskannen, mit denen die Samen gegossen werden müssen, damit reife Früchte wachsen, reicht nicht aus. Denn: Sie haben es ja auch nicht bereitgestellt, die Haushaltsverhandlungen sind abgeschlossen. Und mit dem schönen Halbsatz „im Rahmen der verfügbaren Haushaltsmittel“ lassen Sie all die schönen neuen Samen im Grunde gleich wieder vertrocknen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich verstehe den Antrag eher symbolisch. Er ist unschädlich, wir stimmen zu. Gerne aber nutze ich ihn und stelle Ihnen meine Samen vor:

Diese sehe ich

1. immer noch in der kulturellen Bildung. Mit dem Musik- und Kunstschulgesetz haben wir eine gute Grundlage für stabile Einrichtungen der Kulturvermittlung geschaffen. Sie gilt es auszubauen, weil wir mit ihnen landesweit gerechte Strukturen unterstützen. Kunst- und Musikschulen bieten Planungssicherheit für alle: für Familien, die Angebote für ihre Kinder brauchen; für Künstlerinnen und Künstler, die in den Einrichtungen arbeiten; für Kooperationspartner wie Schulen und Jugendclubs, die nicht allein von instabiler Projektförderung abhängig sein wollen.

2. wollen wir mehr Partizipation. Dass Bürgerinnen und Bürger ihre Orte auch selbständig kulturell gestalten wollen, ist eine der erfreulichsten Entwicklungen der letzten Jahre. Ich freue mich auf den von mir mit-initiierten „Kulturort des Jahres“: Die mit ihm verbundene Wertschätzung ist sowohl für die Identität unserer Bürgerinnen und Bürger relevant, für die Seele der Orte und genauso für den Kulturtourismus.

3. wäre wichtig, die Postkolonialismusdebatte in Brandenburg aufzugreifen. Unsere Erinnerungskultur sollte um den Bau eines Denkmals samt guter Begleitprogramme erweitert werden: idealer Weise am Standort der ersten Moschee Deutschlands in Wünsdorf. Diese wurde für die muslimischen Kriegsgefangen des sog. Halbmondlagers gebaut, Muslime, die in den alliierten Truppen gedient hatten und die in Wünsdorf überzeugt werden sollten, künftig einen „Jihad“ in Deutschlands Sinne gegen das Vereinigte Königreich und Frankreich zu führen.

Heute steht an genau diesem Fleck statt der Gefangenenbaracken eine Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete – deren spezifische Kultur auch unsere Brandenburgische Kulturlandschaft bereichern kann und

4. dringend gefördert werden sollte - im Sinne eines pluralen Kulturangebots für alle und für auch für die Weiterentwicklung zeitgenössischer, internationaler Kunst- und Kulturformate - dazu haben Sie leider so gut wie nichts in Ihrem Antrag verlauten lassen.

Deshalb ja, nutzen wir Fontanes 200sten Geburtstag für die brandenburgische Kulturlandschaft, essen wir des alten Ribbecks Birnen, aber machen wir noch ein bisschen mehr daraus und vor allem: Gedenken wir der warmen Worte bei den nächsten Haushaltsverhandlungen! Denn ohne ein bisschen Wasser wird’s nicht im Baume flüstern: „Kumm man röwer, ick gew’ di ne Birn.“

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