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Rede | 01.06.18

Marie Luise von Halem spricht zum Antrag der CDU-Fraktion „Hand ans Werk! Mit Praktikumsgutscheinen gegen Fachkräftemangel“

- Es gilt das gesprochene Wort!

[Anrede

Um ehrlich zu sein, liebe Kolleginnen und Kollegen von der CDU, ich verstehe Ihren Antrag nicht. [Eindruck von der Einbringung?]

Was den Analyseteil angeht: Ja, richtig, wir haben Nachwuchsprobleme im Handwerk und eine große Zahl von Ausbildungsabbrüchen. Ein Praktikum könnte helfen, sich ein Bild zu machen, den Traumberuf auf Herz und Nieren zu prüfen, oder auch etwas auszuprobieren, woran man vorher noch nicht gedacht hat. Ein Praktikum vermittelt die Vorstellung vom realen Arbeitsalltag. Das ist alles richtig. Wobei der Titel des Antrages noch suggeriert, es gehe um Fachkräfte allgemein, im Antrag selbst geht es dann nur noch um Handwerksbetriebe. Nun gut.

Aber es gibt schon eine große Auswahl von Instrumenten, um die Berufsorientierung während der Schulzeit und danach auch den Einstieg in eine Ausbildung zu begleiten:

Schülerbetriebspraktika haben wir schon.

Zudem das mit ESF-Mitteln geförderte Landesprogramm zur Berufs- und Studienorientierung INISEK, das Schulprojekte mit individueller Beratung anbietet, die sich eng an den Wünschen der Schülerinnen und Schüler orientieren und an dem 95% der Schulen in öffentlicher Trägerschaft teilnehmen.

Im Februar haben wir im Plenum über die Erhöhung der Berufsausbildungsbeihilfe und den Ausbau der Jugendberufsagenturen diskutiert. Im 3. Quartal muss die Landesregierung einen Bericht zur Lage der Auszubildenden vorlegen und der „Brandenburgische Ausbildungskonsens“ soll fortgeschrieben werden.

Um die hohe Anzahl der vorzeitig gelösten Ausbildungsverträge zu reduzieren, schlagen wir vor, bei den Jugendberufsagenturen aktiver einzusteigen sowie bei den Instrumenten der Assistierten Ausbildung und den ausbildungsbegleitenden Hilfen.

Aber auch während der Schulzeit könnte sicher Einiges besser gemacht werden: Guter Ganztag böte und bietet die Möglichkeit, Betriebe aus der Region einzubinden und damit die Berufsorientierung zu verbessern.

Die Schulleiterin einer Brandenburger Oberschule, die vor einigen Jahren mit dem deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurde, hat mal zu mir gesagt: „Wenn die Jugendlichen nach der Schule keine Ahnung haben, welcher Beruf für sie richtig ist, dann hat die Schule einen Fehler gemacht!“ Ich finde, da hat sie recht.

Nochmal zu dem Antrag: Ich verstehe auch nicht, wie Sie das eigentlich praktisch umsetzen wollen. Sollen die bezahlten Praktika die jetzt schon verpflichtenden während der Schulzeit ersetzen? Oder kommen sie zusätzlich (und die einen wären dann unentgeltlich, die anderen bezahlt?) Und wahrscheinlich meinen Sie doch, dass diese Praktika anstelle des Unterrichts während der Schulzeit stattfinden sollen, oder? (Denn Praktika während der Ferien kann jetzt schon jedeR machen.)

Alles in Allem erscheint mir das unausgegoren. Ausgerechnet die CDU, die sonst immer lauthals den Unterrichtsausfall beklagt, will jetzt freiwillige Praktika für Schülerinnen und Schüler, offensichtlich während der Schulzeit, und die Schülerinnen und Schüler auch noch für die Zeit bezahlen, in der kein Unterricht stattfindet? Das passt doch hinten und vorne nicht!

Das Problem, das Sie aufmachen, ist richtig und geht uns alle an. Aber es ist ein komplexes Problem. Und Sie picken sich jetzt eine kleine Partikularmaßnahme heraus, noch dazu dermaßen unausgegoren! Nein, dafür haben Sie unsere Unterstützung nicht!

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